Eine Entscheidung kann fachlich vollkommen nachvollziehbar sein und sich trotzdem falsch anfühlen. Oft liegt das Problem dann tiefer als auf der Sachebene. Zwei Werte geraten aneinander. Sicherheit trifft auf Freiheit. Leistung trifft auf Verbundenheit. Verlässlichkeit trifft auf den Wunsch, endlich etwas zu verändern.
Rainer Krumm zeigt in „Wertorientiertes Führen“, wie stark solche Wertesysteme unser Verhalten prägen. Das Buch gehört zur 30-Minuten-Reihe des GABAL Verlags und hält dieses Versprechen erstaunlich gut ein. Es ist kurz, klar gegliedert und konzentriert sich auf die wesentlichen Gedanken.
Für wen ist dieses Buch geeignet?
- Das Buch richtet sich an Führungskräfte, die Unterschiede im Team besser verstehen möchten.
- Besonders wertvoll ist es, wenn du wissen willst, weshalb klare Regeln den einen stärken und die andere einengen.
- Auch Coaches und Personalverantwortliche finden eine kompakte Einführung in werteorientierte Führung.
- Weniger geeignet ist das Buch, wenn du eine umfassende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Werteforschung erwartest.
- Kernnutzen in einem Satz: Krumm liefert eine handliche Landkarte, mit der Werteunterschiede in Führung und Zusammenarbeit besprechbar werden.
Werte wirken auf der Identitätsebene
Werte sind für mich ein zentrales Thema im Coaching. Sie beschreiben, was einem Menschen wirklich wichtig ist und woran er Entscheidungen ausrichtet. Deshalb reichen sie tiefer als einzelne Verhaltensweisen. Ein Verhalten kannst du relativ schnell verändern. Wenn eine Veränderung jedoch deinem Selbstbild oder deinen zentralen Werten widerspricht, entsteht innerer Widerstand.
Genau dort berühren Werte die Identitätsebene. Es geht um die Frage, wer du bist und wofür du stehen willst. Das macht Wertearbeit so wirksam. Es erklärt zugleich, warum Wertekonflikte viel Kraft kosten können. Du verhandelst dabei oft mehr als eine einzelne Entscheidung.
Krumm unterscheidet außerdem zwischen Werten und Glaubenssätzen. Werte geben Orientierung. Glaubenssätze enthalten Annahmen darüber, wie die Welt funktioniert und was möglich oder erlaubt ist. In der Praxis greifen beide ineinander, sollten aber nicht verwechselt werden.
Die 9 Levels of Value Systems
Das Buch stützt sich auf die „9 Levels of Value Systems“, die auf den Arbeiten des Psychologen Clare W. Graves und dem späteren Ansatz Spiral Dynamics aufbauen. Die Stufen beschreiben unterschiedliche Wertesysteme. Dazu gehören etwa Ordnung, Leistung, Gemeinschaft oder systemisches Denken.
Der Nutzen liegt für mich weniger darin, Menschen einer Farbe oder Stufe zuzuordnen. Interessanter ist die Frage, welche Werte in einer bestimmten Situation wirksam sind. Ein Mensch kann im Unternehmen stark leistungsorientiert handeln und in der Familie ganz andere Prioritäten setzen. Auch Teams und Organisationen entwickeln bevorzugte Denkweisen.
Für Führung bedeutet das: Die gleiche Ansprache erreicht nicht jeden Menschen. Manche brauchen einen klaren Rahmen. Andere reagieren stärker auf Eigenverantwortung, Zugehörigkeit oder ein gemeinsames Zukunftsbild. Wertorientierte Führung beginnt damit, diese Unterschiede wahrzunehmen.
Meine persönliche Bewertung
Werte fließen stark in meine Coaching-Arbeit ein. Sie berühren die Persönlichkeit eines Menschen und helfen dabei, Entscheidungen tiefer zu verstehen. „Wertorientiertes Führen“ gibt mir dafür eine anschauliche und sehr kompakte Ordnung. Die Gedanken lassen sich direkt auf Gespräche, Teamdynamiken und Coaching-Prozesse übertragen.
Ich nutze das Modell auch in meiner Lehre an der Hochschule Niederrhein. Gerade dort zeigt sich sein praktischer Wert: Die 9 Levels geben eine gemeinsame Sprache für Unterschiede, die sonst schnell als mangelnde Motivation oder schwieriger Charakter bewertet werden.
Das Buch kommt ohne unnötige Schleifen aus. Du kannst es in ungefähr einer halben Stunde lesen und hast danach genug Material, um die eigene Führung zu hinterfragen. Für einen vollen Kalender ist das ein echter Vorteil.
Eine Einschränkung ist mir wichtig: Die 9 Levels und ihre theoretischen Wurzeln sind wissenschaftlich umstritten. Ich würde das Modell deshalb als Orientierung nutzen, nicht als objektive Wahrheit über einen Menschen. Sobald aus einer Landkarte eine Schublade wird, verliert sie ihren Wert. Auch die Vorstellung, eine Stufe sei grundsätzlich besser als eine andere, führt in die falsche Richtung.
Drei Fragen für deine Praxis
Welcher Wert wird verletzt, wenn dich eine Entscheidung ungewöhnlich viel Energie kostet?
Welche Werte prägen dein Team, und wo erwartest du unbewusst, dass alle nach deinem eigenen Wertesystem handeln?
Wie könntest du ein Ziel so erklären, dass Menschen mit unterschiedlichen Prioritäten einen Zugang dazu finden?
Fazit: Viel Substanz auf wenig Raum
„Wertorientiertes Führen“ ist ein schmales Buch mit einem großen Thema. Rainer Krumm schafft es, Werte und Wertesysteme so zu ordnen, dass sie im Führungsalltag besprechbar werden. Die Kürze fordert allerdings dazu auf, die Gedanken anschließend selbst weiterzuführen.
Ich empfehle es Führungskräften und Coaches, die einen schnellen, gut strukturierten Einstieg in Wertearbeit suchen und Modelle als Gesprächsangebot verstehen.
Empfohlen für Führungskräfte und Coaches, die Wertearbeit kompakt verstehen und unmittelbar in Gesprächen einsetzen wollen.
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Weitere Empfehlungen findest du unter Bücher zur Persönlichkeitsentwicklung.



