Vor Kurzem habe ich in einem Coaching etwas gefragt, das ich so noch nie gefragt hatte. Auf dem Tisch lag schon eine Menge: Stärken und Schwächen, Chancen, das, was Spaß macht, dazu ein Ikigai. Ordentlich ausgearbeitet. Und dann kam meine Frage: Was wäre, wenn wir das alles mal beiseitelegen? Was berührt dich gerade wirklich, in deinem Leben und in deinem Beruf? Danach bekam das Gespräch einen ganz anderen Blickwinkel.
Mit dieser Frage hat ein Buch viel zu tun, das mich sehr inspiriert hat. Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt in „Unverfügbarkeit“, wie wir die Welt planbar und kontrollierbar machen wollen. Und wie uns dabei ausgerechnet das verloren geht, was uns lebendig hält, nämlich die Momente, in denen uns etwas berührt.
Für wen ist dieses Buch geeignet?
- Das Buch passt zu dir, wenn dein Alltag immer mehr aus Abarbeiten besteht und du dich fragst, wo dabei das Lebendige geblieben ist.
- Besonders wertvoll ist es, wenn du gern planst und organisierst und ahnst, dass sich manches Wichtige nicht planen lässt.
- Auch bei beruflichen Fragen öffnet es einen neuen Blick, weil es erklärt, warum sich der passende Weg selten am Reißbrett findet.
- Weniger geeignet ist das Buch, wenn du Übungen oder einen Leitfaden für den Führungsalltag suchst. Rosa schreibt als Soziologe, mit viel Philosophie im Gepäck.
- Kernnutzen in einem Satz: „Unverfügbarkeit“ zeigt, warum Lebendigkeit dort entsteht, wo du dich berühren lässt, und seltener dort, wo du alles im Griff hast.
Wenn die Welt zur To-do-Liste wird
Am Anfang steht der Schnee. Herstellen können wir ihn nicht, festhalten auch nicht, und wer ihn ins Haus holt, hat bald nur noch eine Pfütze. Vielleicht freuen wir uns gerade deshalb so über den ersten Schneefall. Rosa entwickelt an diesem Bild seine These: Die Moderne will die Welt verfügbar machen, also sichtbar, erreichbar, beherrschbar und nutzbar.
Im eigenen Alltag findest du das schnell wieder. Die Schrittzahl soll hoch, das Gewicht runter, der Posteingang leer. Unser Leben, schreibt Rosa, erschöpft sich mehr und mehr im Abarbeiten von To-do-Listen. Erledigen, besorgen, meistern, abhaken. So sieht für viele Führungskräfte eine ganz normale Woche aus, vom ersten Meeting am Montag bis zur letzten Mail am Freitag.
Warum wir damit nicht aufhören, erklärt er mit einem Bild, das hängen bleibt. Wir stehen wie auf einer Rolltreppe, die nach unten fährt, und wer stehen bleibt, verliert an Boden. Uns treibt also weniger die Gier nach mehr als die Angst, zurückzufallen.
Das hat seinen Preis. Je mehr wir verfügbar machen, desto stummer wird die Welt.
„Eine Welt, die vollständig gewusst, geplant und beherrscht wäre, wäre eine tote Welt.“ (Hartmut Rosa, „Unverfügbarkeit“)
Resonanz: Wenn dich etwas wirklich berührt
Als Gegenbegriff setzt Rosa die Resonanz. Er meint damit eine Beziehung zur Welt, in der etwas zurückklingt, und beschreibt sie über vier Merkmale:
- Berührung: Etwas erreicht dich von außen, ein Mensch, eine Landschaft, eine Idee. Rosa nennt das Affizierung.
- Antwort: Du reagierst darauf, mit deinem Körper, deinen Gedanken, deinem Handeln.
- Verwandlung: Du gehst verändert aus der Begegnung heraus. In welche Richtung, weißt du vorher nicht.
- Unverfügbarkeit: Resonanz lässt sich weder erzwingen noch speichern oder kaufen.
Das Wort affizieren kannte ich vorher nicht. Es beschreibt genau das, worum es geht: sich von etwas berühren zu lassen, das dir im Hier und Jetzt von außen begegnet. Seitdem gehört es zu meinem Wortschatz, auch wenn mich damit wohl kaum jemand versteht 😉
Rosa vergleicht Resonanz mit dem Einschlafen. Je mehr du es willst, desto weniger klappt es. Gute Bedingungen kannst du schaffen, und dann musst du es geschehen lassen. Im Führungsalltag gilt das für jedes Gespräch, das dich und dein Gegenüber wirklich erreichen soll. Vorbereiten kannst du es gut. Ob der Funke überspringt, liegt nur zum Teil bei dir.
Was das für deinen Beruf bedeutet
Besonders angesprochen hat mich ein Abschnitt, der meine tägliche Arbeit betrifft. Rosa beschreibt den typischen Rat zur Berufswahl: Ermittle deine Bedürfnisse und Fähigkeiten, prüfe alle Möglichkeiten, triff die passende Entscheidung. Trocken merkt er an, dass schon der erste Schritt kaum zu schaffen ist. Wir wissen ja oft gar nicht genau, was wir wollen.
Berufswege hält Rosa für höchstens halbverfügbar. Sie entstehen im Wechselspiel aus Hören und Antworten, zwischen dem, was das Leben gerade anbietet, und dem, was in uns angelegt ist. Beide Seiten verändern sich dabei. Den richtigen Weg bringt man eher nach und nach hervor, als dass man ihn fertig vorfindet.
Damit schließt sich für mich der Kreis zur Frage vom Anfang. Stärken-Schwächen-Analysen, Ikigai und Co. haben ihren Wert, weil sie ordnen. Am Ende bleiben sie mentale Konstrukte, die wir uns zusammenreimen. Manchmal hilft es, sie kurz beiseitezulegen und zu fragen, was dich gerade berührt. Falls du dich mit Ikigai und der Frage nach Sinn beschäftigen möchtest, findest du in meinem Artikel Sinn des Lebens finden weitere Ansätze.
Meine persönliche Bewertung
Am meisten inspiriert hat mich die Einladung, die ganze Logik hinter allem auch mal zu vergessen. Sich vom Leben berühren zu lassen, statt immer alles zu planen und zu organisieren.
Leicht zu lesen ist das Buch allerdings nicht. Rosa schreibt philosophisch und verschachtelt, und einige Wörter kannte ich schlicht nicht. Einen großen Philosophie-Wortschatz habe ich nicht. Wenn du das Buch langsam und in Ruhe liest, findest du trotzdem viele inspirierende Stellen. Rosa selbst nennt es ein kleines Buch, und das stimmt. Durch Hunderte Seiten musst du dich hier nicht kämpfen.
Manches wirst du wiedererkennen, wenn du meinen Buchtipp zu „Wu wei: Die Lebenskunst des Tao“ kennst. Ein Kapitel bei Rosa trägt die Frage sogar im Titel: Verfügbarmachen oder Geschehenlassen?
Drei Fragen für deine Praxis
Was hat dich in den letzten Tagen wirklich berührt, bei der Arbeit oder daneben?
Welchen Bereich deines Lebens versuchst du gerade so fest in den Griff zu bekommen, dass er an Lebendigkeit verliert?
Was würde sich zeigen, wenn du deine Pläne für deinen Beruf für einen Moment beiseitelegst?
Fazit: Ein Buch, das langsam gelesen werden will
„Unverfügbarkeit“ ist ein kleines Buch mit einer großen Frage: Wie viel Kontrolle braucht ein gutes Leben, und ab wann nimmt sie ihm die Luft? Die Antwort überlässt Rosa dir. Sein Blick auf die Dinge wirkt lange nach.
Mir hat das Buch eine Frage geschenkt, die im Coaching einen neuen Blickwinkel geöffnet hat: Was berührt dich gerade wirklich?
Empfohlen für Führungskräfte, die vieles im Griff haben und spüren, dass sich das Lebendige nicht planen lässt.
Kaufen kannst du „Unverfügbarkeit“ hier*.
Weitere Empfehlungen findest du unter Bücher zur Persönlichkeitsentwicklung.




Pingback: Bücher zur Persönlichkeitsentwicklung: Meine Tipps für dich!